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Filstal-Skating-eine Generationen übergreifende Kontaktbörse auf Rollen An der Bundesstraße zwischen Geislingen und Kuchen herrscht ein bisschen Tour-de-France-Atmosphäre-aber Schnelligkeit spielt keine Rolle  GEISLINGEN. Der Volkswandertag hat Konkurrenz bekommen. Heute gleiten viele lieber auf kleinen Rädchen durch die Landschaft. Und wenn, wie am Samstag beim Filstal-Skating im Kreis Göppingen, mehr als 2000 Menschen über die Bundesstraße rollen, müssen die Autos stoppen.
Von Angelika Wesner Stuttgarter Zeitung
Winkende Menschen haben es sich entlang der Bundesstraße 466 zwischen Gosbach und Geislingen an der Steige gemütlich gemacht. Die einen hocken auf Stühlen, die Bierflasche in der Hand, andere wedeln mit selbst gefertigten Fahnen den vorbeirollenden Skatern zu. Das Publikum verbreitet ein bisschen Tour-de-France-Atmosphäre an diesem frühen Samstagabend am Rande der Schwäbischen Alb. Man feuert die Skater an, macht ihnen Mut, auch an Steigungen nicht schlappzumachen. Immerhin sind beim Filstal-Skating etwa 140 Höhenmeter zu überwinden. Das geht ganz ordentlich in die Beine.
Das Teilnehmerfeld ist bunt. Vor dem Start rollt ein graumelierter Herr um die 50 mit leichtem Bauchansatz im engen Sportdress auf den Sammelplatz in Gosbach, dicht gefolgt von einer grell geschminkten Blondine mit sorgfältig zurechtgezupfter Dauerwelle. Dazwischen tummeln sich Jugendliche, Kinder und Senioren. Viele Familienväter, die sonst offensichtlich nicht allzu viel mit Sport im Sinn haben, wagen sich auf die rollenden Schuhe und wischen sich schon nach den ersten paar hundert Metern die Schweißperlen von der Stirn. Das Filstal-Skating verbindet Generationen und unterschiedlichste Gesellschaftsschichten.
Es herrscht eine Stimmung wie einst am autofreien Sonntag, denn motorisierte Verkehrsteilnehmer müssen den Skatern weichen. Mit mehr oder weniger entspannten Mienen sitzen die Autofahrer in ihren Karossen und warten mit den Fingern auf das Lenkrad trommelnd darauf, dass der Umzug möglichst rasch vorüberziehe. Doch das dauert. 2700 Skater wollen die Veranstalter beim dritten Filstal-Skating auf der rund 20 Kilometer langen Strecke von Gosbach nach Kuchen gezählt haben. Der bunte Lindwurm mit fast ausnahmslos behelmten Männern, Frauen und Kindern, schlängelt sich bis zu sechs Kilometer lang über die Bundesstraße.
Die 36-jährige Bärbel Reik aus Hohenstadt genießt diesen fast unbegrenzten Platz mit sichtlichem Vergnügen. "Toll ist das", sagt sie und schnauft ein bisschen. "Man muss nur auf seinen Vordermann und nicht auf Autos achten." Der Asphalt ist ebenmäßig und sauber. Kein Steinchen stört den gemütlichen Lauf der Skater. "Optimale Bedingungen", lobt überschwänglich ein Vater mit Junior im Schlepptau. Der kleine Dominique Pehic aus Böhmenkirch hat trotzdem bereits einige Bodenberührungen hinter sich - völlig unbeschadet dank seiner Armprotektoren, Hand- und Knieschützer.
Eine Hausgemeinschaft aus Salach hat sich gemeinsam aufgemacht, um rollenderweise durch das Filstal zu schlendern. Mit 15 bis 20 Stundenkilometern ist das Tempo eher gemütlich. "Pillepalle", sagt grinsend Lajos Vince (28), der normalerweise schneller auf seinen Inlinern durch die Landschaft düst. Doch Geschwindigkeit ist beim Filstal-Skating eigentlich nicht wichtig. Was zählt, ist das Erlebnis, in einer großen, von Polizei, Feuerwehr und Maltester-Hilfsdienst begleiteten Gruppe zu skaten. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, der Spaß, die Kontakte zu lauter gut gelaunten Menschen - das ist es, was die Skater so sehr begeistert.
Die dicken Schweißperlen, die bei vielen Mitfahrern auf der Stirn stehen, wäscht ein belebender Platzregen beim Zwischenstopp in Reichenbach von den erhitzten Gesichtern. Auf die Minute exakt terminiert, gießt es plötzlich wie aus Eimern. Die kleine Erfrischung von oben hat allerdings einen erheblichen Nachteil, denn auf nasser Fahrbahn wird die Wanderung auf Inlinern vor allem für Anfänger zu einem wahren Eierlauf. Michael und Heidi Rapp aus Schlat erwägen deshalb mit ihren Söhnen Julian und Patrick bereits die Aufgabe. Doch dann blitzt die Sonne durch die Wolken, die Kolonne setzt sich wieder in Bewegung. "Der Regen stört uns überhaupt nicht", beteuert strahlend ein paar Meter weiter Dani Müller aus Kirchheim/Teck. Nur dass die Schminke jetzt verlaufe, das sei ein gewisses Problem, gibt sie schmunzelnd zu.
Die Profis sind inzwischen schon weit voraus. Den "Schlusslichtern" ist das ziemlich schnuppe. Was zählt, ist die Stimmung - und diese ist am Ende des Umzugs sicherlich genauso sprühend wie am Beginn. Hier hinten versammeln sich die jüngeren Skater und die Anfänger wie Roland Geiring aus Unterböhringen. Er lässt sich auch mal von einer versierteren Mitfahrerin an die Hand nehmen und hat immer einen witzigen Spruch auf den Lippen. Inline-Skaten sei für Singles auch eine tolle Kontaktbörse, stellt er fest.
Das bestätigt auch ein Begleiter vom Team "Thursday Night Skating Stuttgart", das während der Fahrt für Ordnung sorgt: Viele Paare hätten sich beim Skaten gefunden, und erst kürzlich sei das erste ihm bekannte "Skater-Baby" geboren worden.
Je näher sich die Kolonne dem Ziel in Kuchen nähert, desto mehr reißt sie auseinander. Einige machen endgültig schlapp und fahren die letzten Kilometer im Kleinbus der Feuerwehr mit. Ein Teenager versucht, mühsam humpelnd, den anstrengenden Endspurt zu bewältigen. Blasen an den Füßen lassen das Ziel endlos weit entfernt erscheinen - die Kehrseite einer Wanderung auf Inlinern.
Am Ende sitzen und liegen die Sportler erschöpft, aber glücklich auf einem Parkplatz in Kuchen. Die Rückfahrt meistern viele in Bussen. Nur einige Ordner haben noch nicht genug: Sie wollen die Strecke zurück nach Gosbach auf ihren Inlinern fahren - dann zwar auf dem Radweg, aber dafür etwas flotter als bei der Anreise. Aktualisiert: 17.06.2002,
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