|
Inline-Skating / Vermeidbares Risiko auf den acht Polyurethan-Rollen Zum Leichtsinn kommt die Panik Viele Fahrer überschätzen ihr Können - Schutzausrüstung verhindert schwere Verletzungen Schwere Unfälle beim Inline-Skating sind selten, aber passieren. Vor einer Woche ist eine Schnittlingerin an den Kopfverletzungen gestorben, die sie sich bei einem Sturz zugezogen hatte - sie war ohne Helm unterwegs. Solche Katastrophen wären vermeidbar, würden sich die Skater besser schulen und Schutzausrüstung tragen.
JOCHEN WEIS /Geislinger Zeitung 26.08.2000
Gosbach · Es ist Abend. Der Gosbacher Rainer Bosch lehnt sich in seinen Gartensessel zurück, dreht langsam den Verschluss einer Mineralwasserflasche auf und gießt sich ein Glas voll ein. Bis vor einer Stunde war er noch mit seinen Inline-Skates unterwegs, oben auf der Alb. ¸¸Da habe ich meine Hausstrecken.'' Bosch ist Skater der ersten Stunde, schon seit Anfang der 90er Jahre dabei - und inzwischen geprüfter Skatelehrer des Deutschen Inline- und Rollsportverbandes. Er nippt am Glas. ¸¸Eine der Hauptursachen für Unfälle bei Inline-Skatern ist, dass Fahrer ihr Können überschätzen. Viele vergessen, dass es sich um eine technische Sportart handelt, nicht um ein Spiel.''
Genaue Daten über Unfälle mit Inline-Skatern in der Region gibt es nicht. Laut der Göppinger Polizeidirektion wurden Verkehrsunfälle mit Skatern bis Anfang dieses Jahres statistisch als Unfälle mit Fußgängern erfasst. In diesem Jahr wurde bislang nur eine Skaterin in Bad Ditzenbach von einem Auto angefahren. Hauptkommissar Manfred Malchow vom Geislinger Revier geht davon aus, dass die meisten Unfälle auf ausgewiesenen Wegen passieren - in der Regel Stürze, die der Skater selbst verursacht. Laut der Geislinger Helfensteinklinik kommen ¸¸beinahe täglich'' Skater mit irgendwelchen Blessuren vorbei - meist Schürfwunden und Prellungen, seltener Brüche. Die AOK nimmt an, dass nur jeder Vierte der derzeit geschätzten zwölf Millionen Inline-Skater sein Hobby ohne größere Verletzungen übersteht. Kalkuliert man laut der AOK beim Rest nur 1000 Mark für medizinische Behandlung und Medikamente, so laufen Hunderte Millionen Mark an Kosten für die Krankenkassen auf.
Die Sonne versinkt langsam hinter den Hügeln um Gosbach. Bosch aber bleibt von der Idylle unberührt, zu ernst ist ihm das Thema. Er ist immer wieder darüber schockiert, wie manche Skater ihr Glück herausfordern: Kein Helm, keine Knieschoner, Ellenbogenschützer oder Handgelenkschienen - dafür aber mit dem Elan eines Sumo-Ringers beim Ballett unterwegs. ¸¸Das größte Problem ist das Bremsen. Viele können's einfach nicht. Inlineskaten ohne Bremsvermögen ist aber wie ein Fahrrad, bei dem die Bremszüge ausgehängt sind: Kein Mensch würde auf so einem Ding fahren. Dabei sind Beschleunigung und Geschwindigkeit bei beiden ganz ähnlich.'' Das Problem: Im Gegensatz zum Radfahren empfinden Skater diese Beschleinigung nicht. ¸¸Wegen unseres Körperbaues, da wir beim Skaten unsere aufrechte Haltung beibehalten.''
Zur Grundausstattung jedes Inline-Skaters sollten ein Protektorenset mit Knie-, Ellenbogen- und Handgelenkschonern sowie ein Skaterhelm gehören. Die Gelenkschützer bestehen aus einer Bandage, die mit Netz und Gummizug an Knie und Elle befestigt werden. Auf der Bandage ist ein Schaumpolster angebracht, das die Aufprallwucht beim Sturz dämpft. Über dem Polster liegt eine Hartschale aus Kunststoff, die wie eine Knautschzone wirkt. Handgelenkschoner schienen Gelenk und Hand mit zwei Kunststoffleisten. Die untere, gebogene Schiene fängt beim Sturz den Druck ab und schützt vor Abschürfungen. Skater-Helme bedecken - im Gegensatz zu Fahrradhelmen - die Schläfen und das Genick. Die Helme sind leicht, bestehen aus aufgeschäumtem Kunststoff mit Hartschalenüberzug. Ein Protektorenset gibt es im Fachhandel ab 50 Mark, Helme ab 80 Mark.
Bosch blättert in einem Lehrbuch, zeigt eine Passage mit Bewegungsspielen: ¸¸Meine Schüler sollen die Theorie spielerisch umsetzen und verinnerlichen.'' Ziel ist, den Skatern die Angst vor brenzligen Situationen zu nehmen. ¸¸Viele Unfälle passieren mit Ansage. Ein geübter Skater kann Gefahrensituationen erkennen und reagieren - nasse Straßenabschnitte, geschotterte Stellen und so weiter. Bei einem Ungeübten reicht schon die Angst vor dieser Situation, um den Sturz auszulösen.'' Eine stereotype Kette an falschen Reaktionen: Man bekommt Panik, schießt aus der leichten Hocke nach oben, überstreckt seinen Körper, verliert das Gleichgewicht - und fällt. Wer Glück hat, zur Seite, wer Pech hat, auf den Rücken. Und wehe, wer meint, keine Protektoren zu brauchen: ¸¸Das Schlimme ist, dass sich das Körpergewicht beim Sturz vervielfacht - und damit auch die Energie, die auf die Knochen wirkt.''
Einsteiger können die Grundlagen des Inline-Skatens in Kursen lernen: Bremsen, fallen, Kurven fahren, übersetzen - aber auch das richtige Aufwärmen, um Muskelverletzungen vorzubeugen. Jeder seriöse Sporthändler sollte seinen Kunden sagen können, wo solche Kurse stattfinden. Für den Raum Geislingen gibt's im Internet unter www.filstal-skating.de eine Übersicht.
Bosch nimmt den letzten Schluck aus seinem Glas. ¸¸Eigentlich könnte jeder in drei Stunden die Grundlagen des Skatens lernen. Das Dilemma ist, dass sich in Deutschland noch zu wenige diese drei Stunden Zeit nehmen.''
|